Piratengedanken: Schulpflicht vs. Bildungspflicht

Die Aktion „Piratengedanken“ ermöglicht es jedem Pirat seine Gedanken zu einem Thema seiner Wahl zu veröffentlichen. Diese Ausführungen sind keine Aussagen der Piratenpartei oder der PIRATEN Thüringen. Es handelt sich lediglich um Einzelmeinungen von Mitgliedern.
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Da mir auf dem LPT durch die Redezeitbegrenzung die Möglichkeit genommen wurde, mich hierzu sinnvoll zu äußern, werde ich das hiermit nachholen.
Ich möchte mit einem kleinen historischen Exkurs anfangen. Nachdem Luther im Zuge der Reformation die Bildung von Schulen für jedermann gefordert hatte, entstanden in den protestantischen Gebieten Deutschlands die ersten allgemeinen Schulen. Damit die Eltern ihre Kinder auch dorthin ließen, wurde durch aufgeklärte Fürsten eine Schulpflicht eingeführt. Der Grund waren massive Widerstände gegen die Schulen, da die Kinder in der landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft dieser Zeit als Arbeitskräfte fehlten.
Eine Erweiterung der Schulpflicht ist der 1938 in Deutschland eingeführte Schulzwang, mit dem die Nazis sicher stellen wollten, dass kein Kind ihrer Indoktrination entzogen wurde.
Dies sind die historischen Grundlagen unserer heutigen Regelungen.

Diese Regelungen sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich und werden unterschiedlich konsequent angewandt. International zeichnet sich der deutsche Schulzwang durch ein besonders hohes Strafmaß aus.
Die Schulpflicht und ihre Ausgestaltung sind heute Landesangelegenheit und werden in der Thüringer Landesverfassung, dem Thüringer Schulgesetz und der Thüringer Schulordnung geregelt.

Im Mittelpunkt moderner Bildung sollten die Kinder stehen, und Kinder sind Individuen mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften, auch was das Lernen betrifft.
In den letzten Jahren gibt es viele neue Erkenntnisse, was beim Lernen eigentlich im Gehirn des Menschen stattfindet. Viele dieser Erkenntnisse lassen sich in unserem starren, mehrgliedrigen Schulsystem nicht in die pädagogische Praxis umsetzen.

Es gibt Kinder, bei denen das Lernen in einer größeren Gruppe, wie es an Schulen normal ist, nicht zum Erfolg führt. Kinder, bei denen die Ablenkung durch andere Kinder dazu führt, dass Informationen vom Gehirn nicht verarbeitet werden, haben an konventionellen Schulen nur wenig Erfolgserlebnisse. Ihre Frustrationen führen zu massiven Unterrichtsstörungen, womit sie dafür sorgen, dass auch andere Kinder nicht mehr lernen können. Hier werden dann häufig Drogen, verharmlosend als Medikamente bezeichnet, eingesetzt, um das Kind „schulkompatibel“ zu machen.
Zum einen gibt es Kinder, die nicht in der Lage sind, ihr Lernen selbst zu organisieren, andere Schüler sind in der Schule über- oder unterfordert; sind aber durchaus in der Lage, ihr Lernen selbst zu organisieren. Hier könnten Lernangebote über das Internet Möglichkeiten zur Differenzierung geben. Warum sollte ein Schüler, der die Erklärung seines Lehrers nicht verstanden hat, sich nicht im Netz die Erklärung von jemand Anderem anschauen? Warum sollten Kinder mit Erkrankungen, die einen Schulbesuch erschweren oder verhindern, nicht zu Hause lernen? Das Problem ist, dass es solche Angebote kaum gibt. Die in Deutschland geltende Schulpflicht verzögert die Entwicklung moderner E-Learning-Angebote, da ein Lernen außerhalb der Schule nicht Teil des Bildungssystems ist und somit laut den Kultusministerien kein Bedarf vorliegt.
Warum muss ein Schüler, der ein Thema verstanden hat, sich noch 10 Wiederholungen anhören, bis der letzte es verstanden hat, und darf nicht stattdessen per E-Learning etwas anderes lernen oder einfach Fußball spielen?
Warum können Kinder, die lieber mit Holz arbeiten, nicht einen Tag in der Woche bei einem Tischler praktisch arbeiten und hierbei vielleicht mehr rechnen lernen als in der Schule?
Unser Ziel sollte eine große Vielfalt an Bildungsangeboten sein, die den individuellen Unterschieden der Kinder Rechnung tragen.

Das häufig angebrachte Argument, dass fundamentalistisch religiöse Eltern ihre Kinder nicht beschulen lassen wollen, damit sie nur nach dem eigenen engen Weltbild erzogen werden, bezieht sich auf eine extreme Minderheit. Diese Eltern finden aber auch schon heute durch Einschulung in unseren westlich gelegenen Nachbarländern oder in den USA entsprechende Möglichkeiten. Mit einer Bildungspflicht könnten solche Eltern im Lande bleiben und ihre Kinder selbst beschulen. Trotzdem unterlägen sie der Bildungspflicht, und würden mit regelmäßigen Überprüfungen der Bildungsziele konfrontiert. Den Vorwurf des „Auswendig-Lernens für die Prüfung“ könnte man jedem Kind machen. Man sollte uns Lehrern schon zutrauen, die Fragen so zu stellen, dass wir verstandenes und anwendungsbereites Wissen von auswendig gepauktem Stoff unterscheiden können.

Wirkliche Gründe für eine Schulpflicht kann ich in unserer Gesellschaft nicht erkennen. Wir müssen die Menschen dazu befähigen, immer wieder und immer weiter zu lernen. Anwesenheitszwang ist hierzu kein geeignetes Mittel. Er eignet sich eher dazu, das Interesse an neuem Wissen zu verlieren.
Es gibt in Deutschland eine Pflicht, in der Schule anwesend zu sein, aber keine Pflicht, etwas zu lernen. Haupt- und Realschulabschlüsse können durch Absitzen der Schulzeit ohne vergleichbare Wissensfeststellungen erlangt werden. In Thüringen gilt dies glücklicherweise nur für den Hauptschulabschluss. Eine Vergleichbarkeit von Abschlüssen ist jedoch nicht gegeben. Eine Bildungspflicht, die in regelmäßigen Abständen den Bildungserfolg der Schüler ermittelt, ermöglicht eine Vielfalt an Bildungsangeboten in Verbindung mit vergleichbaren Bildungsabschlüssen.

Eine gute Zusammenfassung gibt der Wikipedia-Eintrag zur Bildungspflicht
http://de.wikipedia.org/wiki/Bildungspflicht

Für mich stellt die Schulpflicht und insbesondere der hieraus erwachsende Schulzwang einen Anachronismus dar, insbesondere da eine Bildungspflicht nicht enthalten ist.

Piet
Lehrer

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